Auf unserem Weg begegnen wir überall der türkischen Gastfreundschaft. Ab jetzt gibt es Çay rund um die Uhr! Wir finden einen relativ entspannten Weg nach İstanbul und genießen die Metropole in vollen Zügen!

Viel Spaß beim Lesen!

Unsere erste Anlaufstelle in der Türkei stand eigentlich schon seit unserem Besuch bei Evgeny in Burgas fest, die Cycling Academy in Lüleburgaz. Doch was uns da geboten wurde, übertraf doch all unsere Erwartungen. Auf unserer Route haben wir uns ab Bratislava eher abseits der großen europäischen Radfernwege aufgehalten. Entsprechend haben wir auch nur eine Hand voll anderer Radreisender getroffen. Während unserer Zeit in Lüleburgaz treffen wir genauso viele. Allein in diesem Jahr waren wir Gast Nummer 149, 150 und 151. In den letzten fünf Jahren fanden hier gut 700 Radbegeisterte aus der ganzen Welt eine liebevoll eingerichtete, kostenlose und originelle Unterkunft auf dem Weg nach oder von İstanbul.

Inanç begrüßt uns und hat auch direkt noch ein kleines Gastgeschenk für uns im Gepäck. Im Tausch gegen unsere alte Plastikradflasche bekommen wir eine Trinkflasche aus Alu mit richtigem Verschluss geschenkt. Das heißt wir können aus dieser Flasche nicht mehr während der Fahrt trinken, viel mehr sollen wir während einer Pause das Trinken genießen … ganz ohne Plastikgeschmack!

Die Cycling Academy ist ein städtisches Projekt, welches vor einigen Jahren injiziert wurde. Von Jung bis Alt kann man sich hier für eine halbe Stunde ein Fahrrad kostenlos ausleihen und den Parkour befahren oder das Radeln erlernen. Es gibt in der Stadt weitere, ähnliche Projekte. Wir besuchen die Football Academy, ein Art Sportzentrum für Breitensport und natürlich Fußball. Außerdem dürfen wir einen Blick in die Women Academy werfen, eine Art Konferenzzentrum mit vielen Räumen für Handwerk und Kunst. Jedes Jahr steht unter einem bestimmten Motto. Dieses Jahr steht im Zeichen der Umwelt, der Tausch unserer Plastikflasche ist dabei nur ein kleines Puzzleteil aller Ideen aus den verschiedenen Akademien, welches die Welt ein Stück weit verbessern und das Bewusstsein für unsere Umwelt stärken soll. Alles wird von der Stadt gefördert und ist frei zugänglich für alle Menschen. Wir sind begeistert von den Projekten und manch deutsche kommunalpolitische Entscheidungsträger können sich hier noch einiges abschauen.

Wir entscheiden uns einige Tage hier zu bleiben und in der Türkei anzukommen. Das geht natürlich am besten auf einer kulinarischen Expedition durch die Innenstadt von Lüleburgaz. Schnell stellen wir fest, dass unsere geliebten Nudeln es wohl nicht mehr so oft in unseren Alutopf schaffen werden. Zu köstlich ist die türkische Küche und wir genießen jeden Bissen.

Wir spazieren durch die Gassen der Stadt und werden von einem netten Herrn angesprochen. Er hat gerade Fleisch gekauft, um es den Straßenhunden zu geben. Er wolle uns sein kleines Restaurant zeigen. Da angekommen zeigt er uns ganz viele Fotos von wohl berühmten Personen, die schon bei ihm zu Gast waren. Wir bekommen ein Çay und plaudern weiter, wobei es plaudern eher nicht trifft. Mit Händen und Google Translator versuchen wir eine Konversation. Er erzählt uns stolz, dass er auch schon viele Radreisende zu Gast hatte und das obwohl wir inkognito unterwegs waren. Danach ergab die Google Übersetzung „Wir möchten Sie für diese Suppe verpflichten.“ Wir schauten uns etwas ratlos an, bis wir begriffen haben, dass wir auf eine köstliche Suppe eingeladen werden!

Auf dem Rückweg treffen wir einen jungen Mann auf der Straße. Er begrüßt uns herzlich, wir kommen ins Gespräch und wir erinnern uns, dass wir ihn bereits in seinem kleinen Transporter gesehen hatten, als wir Lüleburgaz erreichten. Er ist freudestrahlend und hupend neben uns hergefahren. Nun muss man wohl dazu sagen, dass allein dies nach drei Tagen in der Türkei nichts Außergewöhnliches mehr für uns war. Immer wieder wurden wir durch leichtes Hupen in den unterschiedlichsten Tönen und heftiges, freudiges Winken gegrüßt.
Doch Adem trafen wir nun wieder. Er meinte, dass er heute schon den ganzen Tag nach uns Ausschau gehalten hat und dass er das Radfahren so sehr mag. Danach hat er uns ein Brot aus seiner Familienbäckerei geschenkt! Neben dem Wasser kommt auch dem Brot in der Türkei eine große Bedeutung zu. Eine Wertschätzung, die man auch deutlich schmecken kann.
Aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei und so überholte uns der kleine, hupende Transporter ein paar Tage später ein weiteres Mal. Diesmal waren wir gerade auf der vierspurigen Straße stadtauswärts Richtung İstanbul unterwegs. Auf dem Seitenstreifen haben wir noch ein leckeres, frisches Brot und die besten Wünsche von ihm mit auf den Weg bekommen.

Wir radeln auf der großen vierspurigen D100 Richtung Marmarameer, doch Dank des breiten Seitenstreifens fühlen wir uns doch relativ sicher. Kurz vor der Stadt Çorlu taucht eine groß angelegte Polizeisperre vor uns auf. Wir werden heraus gewunken und uns rutscht das Herz kurz in die Hose. Doch als wir uns kurze Zeit später auf einer Picknickbank im Innenhof der Polizeistation wiederfinden und plötzlich allerhand uniformierte, grinsende Gesichter um uns herumstehen, ist das schnell Geschichte. Wir trinken Çay mit der POLISei und probieren unsere am Vorabend geübten türkischen Sätze nun „in echt“ aus.  Wenige Minuten später sind wir dann wieder allein, da scheinbar alle zum Dienst müssen. Aber wir werden mit Fatma aus Deutschland verbunden, die gerade die Pause ihres Englischkurses genießt. Doch schon bald muss sie wieder zum Kurs zurück, wir verabschieden uns und bringen das Handy zurück in die Zentrale, denn der Besitzer ist wie vom Erdboden verschluckt. Dort werden wir mit türkischen Naschis versorgt und dann taucht auch der strahlende Handybesitzer wieder auf. Er war in der Zwischenzeit Schokokekse für unsere Weiterfahrt kaufen. Mit höherschlagenden Herzen und wieder einmal ganz erfüllt von der uns entgegengebrachten Gastfreundschaft radeln wir grinsend davon.

Die verkehrsreiche D100 führt uns zum Marmarameer, ab hier verlassen wir die große Straße und schlängeln uns auf kleinen Straßen fast nur noch durch urbanes Gebiet. Doch bevor wir die İstanbuler Vorstadt erreichen, fahren wir durch kleine, bunte Städte mit netten Strandpromenaden. Wir genießen die Meeresluft und die glitzernde Sonne in dem blauen Wasser. Man sieht nichts von all der Verschmutzung durch industrielle Abwässer und die Zerstörung des Gewässers in den letzten Jahren. Anfang des Jahres kam es zu einer Schleimplage. Infolge der irreversiblen Schäden wurde das Marmarameer von Wissenschaftler:innen für tot erklärt. 

Auf dem Weg in die Metropolregion lassen die Einladungen nicht nach. Wir rollen an einem kleinen Laden vorbei, grüßen freundlich und werden mit wilden Gesten zurück gewunken. Wir sollten uns erst einmal setzen, dann wurde uns Tee gebracht und wir schwatzen mal wieder mit unseren Brocken Türkisch. Später gab es sogar noch köstliche Çiğ Köfte gereicht und es wurde uns direkt gezeigt, wie man diese verspeist. Die rote, feste Paste, welche traditionell aus kräftig gewürztem Rinderhackfleisch besteht und heute oft in einer vegetarischen Variante zu bekommen ist, wird in ein Salatblatt gelegt und mit etwas Zitrone bespritzt und ab damit in den Mund. Köstlich!

Die ganze Zeit werden wir freundlich gegrüßt und sobald wir irgendwo länger stehen kommen wir direkt mit den Menschen ins Gespräch. Wir treffen einen Mann, der sich in den 80er Jahren ein Haus außerhalb von İstanbul gekauft hatte, um der Stadt zu entkommen. Doch İstanbul frisst einfach alles und wächst und wächst!“. Seitdem hat sich die Stadt so ausgedehnt, die Einwohnerzahl ist rasant gestiegen und liegt heute bei ca. 15,5 Millionen. Heute steht sein Haus also längst inmitten der riesigen Metropole.

Am Abend werden wir dann erneut von drei liebenswerten Männern zu Balık ekmek eingeladen. Sie haben direkt neben dem Radweg einen Tisch und einen Grill aufgestellt. Nachdem sie uns mehrfach zurückgerufen haben und unsere Mägen ganz schön knurrten, drehten wir um und wurden mit frisch gegrilltem Fisch (balık), frischem Brot (ekmek) und leckerem Salat verwöhnt. Nach kurzem Plausch über unsere Route und unsere bereits erworbenen Türkischkenntnisse, verabschiedeten wir uns auch schon wieder ganz herzlich. Wir sind mal wieder überwältigt von all der Gastfreundschaft, die wir hier erleben.

Für den Weg in das Zentrum von İstanbul nehmen wir uns zwei Tage Zeit, im Zickzack umfahren wir die großen Verkehrsadern weitestgehend und müssen nur selten auf den teilweise sechs- bis achtspurigen Straßen entlangradeln. Oft gibt es sogar einen richtigen Radweg entlang der Strandpromenade. Ab und an tauchen wir ein in die wuseligen, vollen Straßen. Von links und rechts kommen immer wieder Autos und alles bewegt sich zäh, aber doch sehr flüssig vorwärts. Der Verkehr sieht zwar extrem chaotisch aus, ist aber in keiner Weise aggressiv. Viel mehr wirkt es, als ob jede(r) auf jede(n) achtet.

Wir stehen zwischen der Blauen Moschee und der Hagia Sophia. Wir sind da, in Byzanz, in Konstantinopel, in İstanbul! İstanbul ist bunt, aufgeweckt, lebendig und einfach faszinierend! Die Stadt lässt uns nicht mehr los! Wir sind inmitten eines riesigen Trubels, umzingelt von so vielen Menschen, wie wir sie schon ewig nicht mehr gesehen haben.

Wir radeln durch die vollen Straßen der Innenstadt, quetschen uns vorbei an sich stauenden Autos, durch volle Fußgängerpassagen, überwinden steilste Anstiege und gliedern uns ein in den chaotischen Verkehr aus Autos, Mopeds, Dreiradkarren und riesigen Sackträgern sowie den unzähligen Menschen. Begleitet wir das Gewusel von einer städtischen Grundlautstärke, wiederertönendem Gehupe, Sirenen, Marktgeschrei und Muezzinrufen.

Wir laufen ohne Plan durch die Straßen und lassen uns treiben von den Eindrücken. Die entspannt herumliegenden Straßenhunde und -katzen gehören hier in der Türkei zum ganz normalen Stadtbild dazu und werden von den Bewohner:innen mit Futter und Behausungen umsorgt. Die trubeligen Straßen werden zu kleinen, ruhigen Gassen und wir verlassen das touristisch geprägte Stadtbild. Die Menschen tragen hier vermehrt Takke, Kopftuch und Burka. Es werden große Karren durch die steilen, gepflasterten Straßen geschoben. Drei Straßen weiter sind wir wieder mitten drin im Leben. Es ist wohl auch dieser Wechsel und Kontrast, der den Aufenthalt in dieser riesigen Metropole so einzigartig und besonders macht.

Das Bild der Stadt ist geprägt durch unzählige Kuppeln und Minarette. In Socken laufen wir über die weichen Teppiche in den Innenräumen einiger Moscheen und saugen die magische Atmosphäre auf, die hier in der Luft liegt und noch verstärkt wird, wenn währenddessen der Muezzin zum Gebet aufruft. Der islamische Gebetsruf (Adhān) erklingt fünfmal täglich. Wir werfen einen Blick in die Sultan Ahmet Camii, die Blaue Moschee, die wohl berühmteste Moschee İstanbuls.
Wir zwängen uns durch die prestigeträchtige Hagia Sophia. Die einst von den Griechen gebaute Kirche wurde von den Osmanen zur Moschee umgebaut. Unter Atatürk wurde das Gotteshaus als Museum genutzt. Nach kontroversen Diskussionen dient die Hagia Sophia seit einem Jahr nun wieder als Moschee. Abseits des großen Trubels werfen wir aber auch einen Blick in ruhigere Moscheen und die gepflegten Innenhöfe mit ihren wundervollen Brunnen.   

Gefühlt ist die ganz İstanbul ein einziger großer, türkischer Basar. An jeder Ecke wird irgendetwas verkauft und man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Orangen, Nüsse, Fisch, Schuhe und alles was es sonst noch gibt wird auf den dreirädrigen Karren durch die Straße geschoben und vor dem Verkauf auf alten Waagen gemütlich abgewogen. In den Straßen stehen kleine Verkaufsstände auf Rädern, die Simit, geröstete Kastanien, gekochten Mais und Miesmuscheln anbieten. Hinter den Schaufenstern erstrahlen kunstvoll aufgetürmte, türkische Leckereien in allen erdenklichen Farben, die das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Doch der Höhepunkt sind die sprudelnden Gassen rund um den Großen Basar, wo man gefühlt alles bekommt, was das Herz begehrt… außer das, was man vielleicht gerade in diesem Moment dringend sucht. Noch wirbeliger und bunter wird es dann auf dem ägyptischen Markt. Viele Menschen, viele Farben und unbekannte Gerüche!

Im Stadtbezirk Kurtuluş finden wir bei Sam eine wunderbare Behausung für ein paar Tage abseits des Trubels aber trotzdem mittendrin. An einem Abend werden wir von ihrer Freundin mit leckeren, vegetarischen, türkischen Sachen bekocht und haben zusammen mit ihren Nachbarn einen wunderschönen, lustigen Abend.

İstanbul hat uns verzaubert und wir genießen die bunte, wuselige Atmosphäre der Stadt. In keiner anderen Stadt halten wir es freiwillig länger als ein paar Tage aus. Doch İstanbul hat uns gepackt und so verabschieden wir uns erst nach einer Woche aus dem Großstadttrubel, um der Natur wieder näher zu sein.

Görüşürüz İstanbul!

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Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Karen Schröder

    Merhaba!
    Schröder war auf ihrer Türkeireisen Myra und ist ganz begeistert von der Nikolaussaga. Sie hat interessante,in die Felsen gehauene lykische Felsengräber fotografiert.
    Eure Istanbul-Bilder sind toll. Es sind doch noch urige Ecken vorhanden. Bevor Istanbul Kulturhauptstadt würde, müssten etliche alte Stadtvietel der Verschönerung und Europäisierung weichen… Heute war die türkischstämmige Altenpflegerin Zübi da, die eure Reise auch ganz toll findet. Einige eurer Reiseziele will sieut Mann und Sohn auch noch sehen…
    Wir sind gespannt, wann ihr in Georgien ankommt. Weiterhin alles Gute! Wir denken oft an euch!
    Karen und Renate aus Kiel 🌅

  2. Rasto

    Isi & Bimi
    reading you chronicles from Istanbul was so colourful one had desire to go there immediately.
    It seems your route to Black sea had extended in the meantime 🙂 Heading further to east?
    I often think of you and the more I’m reading your stories the more I desire quit regular life and become globetrotter like you two, guys.
    Stay safe and keep writing and posting and sharing your experience.
    Lubka and I

  3. Carola

    Hallo ihr zwei Istanbulliebhaber, morgen ist der 2. Advent. Endlich fand ich die Zeit, wieder von euren Erlebnissen zu lesen. Euer „Deckblatt“, der ägyptische Markt sieht aus wie aus tausendundeiner Nacht. Herrliche Aufnahmen und so viel Gastfreundschaft. So was zu lesen ist sehr angenehm in einer Zeit mit erneutem Teillockdown hier in Sachsen. Hoffentlich bleiben die vernünftigen Menschen verschont davon. Deutschland ist so reich, hat kostenlos Impfstoff für alle und doch stecken sich so viele an. Der Grund liegt auf der Hand. Einem Kommentar aus Kiel entnehme ich, dass ihr nach Georgien wollt??? Istanbul klingt mir eher wie zurück nach Europa. Das würde mich freuen. Passt gut auf euch auf und liebe Grüße aus Terpitzsch von Carola