Wir tauchen weiter ein in die georgische Kultur und werden mit herzlicher Gastfreundschaft aufgenommen. Dabei bekommen wir die Gelegenheit das georgische Osterfest hautnah mitzuerleben. Auf unserem Weg nach Osten überwinden wir den Suramipass, bevor wir zum dritten Mal in Tbilisi ankommen.

Viel Spaß beim Lesen!

Schon in Kutaisi spüren wir die Vorbereitungen auf das christlich-orthodoxe Osterfest. Das wichtgste kirchliche Fest des Jahres richtet sich ebenso wie beispielsweise Weihnachten oder das Neujahrsfest nach dem Julianischen Kalender. Im Gegensatz zum Gregorianischen Kalender wird der Frühlingsbeginn dort auf 13 Tage später datiert. Da Ostern hierzulande ebenfalls nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang gefeiert wird, kann es also vorkommen, dass Ostern bis zu vier Wochen später als in Deutschland gefeiert wird. Dieses Jahr würde es eigentlich zum selben Zeitpunkt wie in unserer Heimat stattfinden, aber es fällt mit dem jüdische Pessachfest zusammen und es ist üblich, dass die orthodoxe Kirche das Osterfest in diesem Fall um eine Woche nach hinten verschiebt.
In den Straßen und auf den Märkten werden Eier und natürliches Färbemittel, was man aus den Wurzeln des Färberkrapp gewinnen kann, verkauft. Die hartgekochten Eier werden traditionell am Roten Freitag (Karfreitag) eingefärbt.

Wir verlassen Kutaisi unter rücksichtslosem Straßenverkehr in Richtung Süden. Wir sind froh als wir wieder auf kleinere Straßen ausweichen können und über eine hügelige Dorfstraße radeln. Bis jetzt hatten wir noch nicht wirklich Probleme einen Platz für unser Zelt zu finden. Die Natur ist so weitläufig, dass man stets ein gemütliches Versteck entdecken konnte. Doch gerade ist alles ziemlich bebaut oder besser gesagt, wir sind in einem einzigen, weitläufigen Dorf mit wenigen Häusern und großen, abgezäunten Gärten.

Nach einigen Versuchen eine geeignete Stelle abseits zu finden, fragen wir eine ältere Frau, die gerade ihre Kühe heimtreibt, ob wir unser Zelt aufstellen können. Aufgrund von pantomimischen Gesten, dem Rufen einer anderen Frau, die dann auch nur russisch kann und es dann doch alles wieder über Mimik und Gestik läuft, dauert dieser einfache Satz gute 10 Minuten. Am Ende wird das Tor geöffnet und wir werden freundlich auf eine Wiese hinter den Häusern und vor einem Sägewerk geführt. Die nette Omi sagt einem Mann (vielleicht ihrem Enkel) im Sägewerk Bescheid und wir bauen unser Zelt auf. Zwei, drei Mal schaut sie noch vorbei, ob wir nicht noch etwas zu Essen brauchen und es uns auch gut geht. Ein vorbeifahrender Opi im Auto fragt, ob wir nicht einen chacha mit ihm trinken wollen und zu guter Letzt kommt der Mann aus dem Sägewerk am Abend auch noch einmal vorbei, als wir gerade ins Zelt schlüpfen wollen. Er bringt uns Käse, Brot, Tkemali (die berühmte georgische Pflaumensauce) und natürlich selbstgemachten ghvino vorbei. Falls es uns zu kalt wird, sollen wir jederzeit zu ihm ins Haus kommen. Wir sind einfach nur überwältig von der herzlichen, offenen, hilfsbereiten Art!

Auch am nächsten Tag haben wir erneut Probleme einen Platz für unsere Villa Sonnenschein zu finden, diesmal liegt es aber nicht an den vielen Gärten, sondern am Gelände. Sollten wir eine kleine Freifläche finden ist diese meist zu steil. Also fragen wir wieder an einem Gartenzaun, ob wir unser Zelt aufschlagen dürfen. Der kräftige, große und auf den ersten Blick etwas mürrisch wirkende Mann willigt ein. Aber wir sind etwas unschlüssig, ob wir ihn richtig verstanden haben. Wir warten kurz, werden dann aber direkt heran gewunken und Dato zeigt uns, wo wir Wasser bekommen und unser Zelt aufstellen können. Nach und nach lernen wir alle aus dem Haus kennen, die hier um uns herum wuseln. Der lustige babua (Großvater), der lautstark auf Georgisch redet ohne das wir was verstehen, die herzliche bebia (Großmutter), die sich um uns sorgt und uns am liebsten im Haus hätte oder die deda (Mutter), die liebevoll mit der kleinen Marta auf dem Arm Hallo sagt.
In der Abendsonne richten wir uns ein und bereiten unser Essen zu. Während wir die Nudeln hastig in uns hinein schaufeln kommt die deda erneut vorbei und bringt uns ein Tablett mit Leckereien vorbei. Wir sollen es später einfach zurückbringen. Wieder erfahren wir diese wunderbare Gastfreundschaft, die in diesem Falle unsere Bäuche etwas zu doll füllt.

Später bringen wir das Tablett zurück und werden direkt ins Haus eingeladen. Über die große Eingangstür gelangt man direkt in das Wohnzimmer, vielleicht zeigt auch schon die Architektur die Gastfreundschaft der Georgier:innen – man ist direkt drinnen, zu Hause.
Wir lernen die Tochter Tekla und die Nachbarin Nini kennen und können dank googli auch ein paar Sätze miteinander reden, bevor der Tisch gedeckt wird und wir unsere Bäuche erneut strapazieren werden. Dato kommt aus dem Garten zurück und die Frage, ob wir lieber Wein, Bier oder Schnaps möchten, stellt sich am Ende als sinnlos dar, da kurze Zeit später alles auf dem Tisch steht! Später kommen noch der älteste Sohn und der Mann von Nini vom Fußball und wir sitzen alle zusammen am Tisch und haben einen richtig lustigen Abend.

Wir haben einst einen georgischen Film gesehen (Meine glückliche Familie), der Traditionen und den Alltag aufgreift und etwas überspitzt darstellt. Doch vielleicht haben wir gerade dadurch auch einige, kleine Dinge intensiver wahrgenommen. Dato sitzt an der Stirnsete des Tisches und ist damit auch der tamada (Tischmeister) des Abends, der das Geschehen am georgischen Bankett lenkt und die Toasts spricht. Nunja ehrlich gesagt sind es einige Toasts.
Wir haben schon zuvor über den Brauch des tamada erfahren. In einer oft ausschweifenden, erzählerischen und poetischen Darbietung wird ein Toast gesprochen. Einst war dies eine der wenigen Möglichkeiten des Austausches und zur Verkündung von Neuigkeiten oder Veränderungen. Doch der Brauch hat überlebt und wird heute mehr oder weniger ernst vollzogen. Dato ist der Poesie wohl nah und spricht genüsslich einen Toast nach dem andern aus. Seine starke, raue Stimme spricht jeweils einige Sätze, dann kommt die Handbewegung zu Nini, googli, googli und wir bekommen den übersetzten Toast auch schon auf dem Smartphone serviert. Anschließend gaurmaschos. Wir trinken auf die Familie, die Kinder, die Frauen, uns als Gäste, die Verstorbenen, die Erinnerung, Georgien, Deutschland, den heilgen Ilja, den Frieden und die Ukraine, die Gesundheit, die Freundschaft und wahrscheinlich noch auf einiges mehr, aber das ist uns wohl abhanden gekommen.
Wir spüren an diesem Abend auch die Hingabe zur Musik. Tekla spielt seit einigen Jahren Klavier und wir bekommen direkt eine kleine Hörprobe. Auch Dato, der im Orchester der Polizei Mitglied ist, setzt kurz an und singt unter der Begleitung von den Jungs ein Ständchen. Hätten wir diesen Film nicht gesehen, wäre uns die Familie wohl einfach als besonders musikalisch im Gedächtnis geblieben, aber vielleicht zeigt dies auch ein wenig die Liebe der Georgier:innen zur Poesie und Musik, wie sie in diesem Film angedeutet wurde.

Bevor wir recht angetüdelt in unserem Zelt verschwinden, werden wir noch in eine weitere Ostertradition eingeweiht. Die deda hat paska, das typisch georgische Osterbrot, zubereitet. Wir verschlingen das noch warme Hefegebäck mit Rosinen und genießen diesen lustigen Abend bis zum Ende in vollen Zügen. Nach einer kurzen Nacht lässt man uns erst nach einem morgendlichen Abschiedstee, paska und einem Osterbrot im Gepäck davonradeln.  

Weit kommen wir allerdings nicht. Der Alkohol hinterlässt seine Spuren und das ist dann wohl auch das Einzige, was uns an der georgischen Gastfreundschaft nicht so behagt. Oft ist eine Einladung mit dem Trinken von ghvino oder im schlimmsten Fall mit chacha verbunden. Eine Ablehnung stößt oft auf verdutzte Gesichter und man gibt sich dann doch irgendwie geschlagen, jedenfalls wenn wir direkt zu Gast sind. Die vielen chacha Angebote auf der Straße sagen wir gekonnt ab und radeln einfach freundlich um die nächste Ecke. Für unseren Katertag jedenfalls haben wir ein wunderbares Plätzchen gefunden. Für viele Georgier:innen geht es vom Ostersamstag auf den Sonntag um Mitternacht in die Kirche, doch für uns geht es heute einfach nur noch ins Zelt.

Vor uns liegt das Suramigebirge, welches den Kleinen und Großen Kaukasus verbindet und Georgien gewissermaßen in Ost und West teilt. Jedenfalls hören wir oft die Einteilung in „vor und hinter den Bergen“. Auf einer kleinen, holprigen Piste kurbeln wir uns durch das saftige Grün der Wälder an dem Gebirgsfluss nach oben. Ein starke Briese aus Ost bremst uns dabei mehr aus als der relativ sanft ansteigende Pass. Mit dem Bergdorf Pona erreichen wir nicht nur die Passhöhe, sondern auch eine weitere Wasserscheide. Ab heute fließen die Flüsse also wieder Richtung Osten und es geht erst einmal wieder flussabwärts.
Wir sind uns unsicher ob wir hier oben, auf knapp 1.000 m unser Zelt aufschlagen wollen. Wir wissen nicht ob wir im Bärengebiet sind oder nicht. Es gibt nicht diese eindringlichen Schilder wie in Rumänien, die vor dem Bären warnen. Aber vielleicht auch einfach deswegen, weil es jeder weiß. Auf Wanderkarten wird das Sehen eines Bären eher als Highlight der Flora und Fauna angepriesen und nicht mit Warnungen um sich geschmissen. Die duftenden Nadelbäume lassen uns aber die Flucht ergreifen und so holpern wir die Piste etwas nach unten. Zwischen ein paar Hügeln finden wir dann eine schöne Stelle am Bach. Unser Essen hängen wir trotzdem gute 100 m weit vom Zelt an einen Baum. Aber auch dabei steckt die Unsicherheit in uns, ob wir übertreiben oder nicht und so machen wir es auch nur halb und lassen die Zahnpasta und co. im Zelt.

Am Ostermontag nehmen wir dann auch noch die letzte Tradition mit. Es ist der Tag der Toten und dieser wird traditionell auf dem Friedhof gefeiert. Ja es klingt zwar zynisch, aber in einer gewissen Weise feiert man diesen Tag schon. Die ganze Familie und auch Freunde pilgern zum Friedhof und bringen die roten Eier sowie paska ans Grab. Am Grab der Verstorbenen wird dann gemeinsam ein reichhaltiges Picknick gemacht, um den Toten zu gedenken und sie in lebendiger Erinnerung zu halten. Es ist auch viel mehr das ganze Wochenende, an dem wir die gut besuchten Friedhöfe sehen und nicht speziell nur der Montag. Wir erfahren, dass ein Tag oft nicht ausreicht, um allen Verstorbenen zu gedenken.
In Surami werden wir dann an ein Grab gewunken und dürfen am Picknick teilhaben. Davit, seine Geschwister und Freunde erzählen uns über die Tradition und laden uns zu Wein und Essen ein. Immer wieder kommen Bekannte des Verstorbenen vorbei, nehmen ein Glas Wein, sprechen einen Toast und schütten den Rest des Glases in Form eines Kreuzes auf das Grab. Bevor wir uns wieder auf die Räder schwingen, dürfen auch wir dem verstorbenen Vater die Ehre erweisen und den Wein in Form eines Kreuzes auf das Grab schütten.

Schon zuvor haben wir den ein oder anderen Friedhof auf unserem Weg durchs Land gestreift. Es ist immer wieder spannend zu sehen wie unterschiedlich die Kulturen ihrer Toten gedenken. In Georgien ist es üblich, dass ein Bild des oder der Verstorbenen auf dem Grabstein eingraviert ist. Dadurch wirken die Gräber nicht so anonym.
Das Gedenken an die Toten findet sich auch in der Kleidung wieder. Wir erfahren, dass es üblich ist nach dem Tod eines Familienmitgliedes 40 Tage schwarze Kleidung zu tragen. Witwen tragen diese sogar lebenslang. Die Dominanz von schwarzer Kleidung fällt uns immer wieder ins Auge, vor allem bei älteren Frauen.

Doch die österliche Gastfreundschaft ist für uns noch nicht vorbei. Hinter der kleinen Stadt Tsromi werden wir von einem vollbeladenen Auto mit vielen lächelnden Gesichtern eingeholt, ein kleines Mädchen reicht uns freudig strahlend rot gefärbte Eier aus der Fensterscheibe. Wir sagen den georgischen Ostergruß Christe aghsdga! (Christ ist auferstanden!), worauf hin Beqa überrascht aber etwas gerührt, dass wir diesen aufsagen können, die Antwort Tscheschmaritad! (Er ist wahrlich auferstanden!) spricht. Daraufin hält er das Auto an, bittet uns seiner Einladung und seinem Auto zu folgen und so landen wir am Ende wieder an einem reichlich gedeckten Tisch.

Wir vermuten, dass die Familie auch gerade vom Friedhof kommt, denn zunächst wird der Kofferaum voller Essen ausgeladen. Wir sollen uns schonmal auf die Terrasse setzen. Die Kinder freuen sich über unseren Besuch so sehr, dass wir von der Tochter erstmal innig umarmt werden. Nachdem uns Beqa den Keller voller Wein und eingelegter Köstlichkeiten gezeigt hat, landet der Wein auch schon in unseren Gläsern und die Zeremonie beginnt von vorn. Wir probieren die Köstlichkeiten und werden nebenbei in die Kunst des Eiertickspiels eingeweiht. Zwei Leute nehmen jeweils ein Ei in die Hand, so dass ein Teil des Eis aus der Faust schaut. Dann werden die Eier aneinander geschlagen. Wessen Ei dabei nicht kaputt geht, gewinnt das Spiel.

Einige Runden und Toasts später verabschieden wir uns wieder und bedanken uns für die liebe Stärkung. Aber die Familie lässt uns nicht ohne eine Tüte voller Essen und Wein das Grundstück verlassen. Mal wieder sind wir einfach nur überwältigt von der Gastfreundschaft und angetüdelt vom Wein. Weit kommen wir an diesem Nachmittag nicht mehr. 

Neben all den Osterfeierlichkeiten erreichen wir an diesem Tag auch noch einen weiteren Meilenstein auf unserer Reise, der Grund zum Feiern bietet.

Wir radeln weiter Richtung Tbilisi zwischen dem Kleinen und Großen Kaukasus durch kleine Dörfer, die in saftigen Grüntönen erstrahlen. Als wir Gori, die Geburtsstadt von Stalin, hinter uns lassen verändert sich die Landschaft allmählich. Es wird trockener und steiniger um uns herum. Unser Zelt schlagen wir auf einer Wiese mit Blick auf die Kura und ein karges Felsmassiv mit Höhlen auf, die uns an Kappadokien erinnern.

Der nächste Tag wird wohl als einer der weniger schönen Tage in die Geschichte unserer Reise eingehen. Die Details wollen wir euch hier ersparen, aber es folgt noch ein langer Tag bestehend aus wenige Kilometer radeln, kotzen, notdürftige Krankenstation am Straßenrand einrichten, Pause machen und das ganze Prozedere wieder von vorn. Irgendwann suchen wir uns aus Verzweiflung ein Gästehaus, welches allerdings noch in 20 km Entfernung liegt. Die huckelige Schotterpiste über die wir uns am Ende zwischen rasenden Autos mit aufwirbelndem Dreck noch quälen müssen ist das Sahnehäubchen. Da haben wir uns wohl eine Kombi aus „etwas Falsches gegessen“ und „Sonnenstich“ eingefangen. Doch nach einer Nacht voller Schlaf sieht die Welt am nächsten Tag schon etwas besser aus und wir machen uns mit einem etwas flauen Gefühl im Magen auf den Weg nach Tbilisi.

Bis auf eine Überquerung der Autobahnbrücke, weil es sonst keine Straße gibt, läuft das Radeln in die Hauptstadt erstaunlich geschmeidig ab. Mittlerweile sind wir wohl doch schon ganz schön abgestumpft, was das Radeln auf großen Straßen und in Städten betrifft.
Nun sind wir also das dritte Mal in dieser wunderschönen Stadt gelandet. Dieser Umstand ist für uns besonders spannend, da wir die Orte normalerweise ja nur einmal durchqueren. Beim letzten Mal lag noch Schnee, aber nun erstrahlt auch hier alles im georgischen Grün.

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Karen Schröder

    Na dann Prost! Ihr habt ja richtig Übungskommen ….. Ablehnung würde wohl nicht akzeptiert werden! Die Osterbräuche und das Frühlingswetter sind interessant. Das schönste ist bestimmt die Gastfreundschaft der Leute. Das fand ich auch in den Türkeipraktika so schön und wohltuend.
    Weiterhin fröhliches Strampeln wünschen euch Renate und Karen aus dem sonnigen Kiel ☀️☀️

  2. Caro

    Der Wein und der Suff, das regt die Menschen uff.
    Hi hi